Presse "Tod in Venedig"

Leidenschaft im Angesicht des Todes

Ostsee-Zeitung

Das Theater feiert heute Opernpremiere. Mit "Death in Venice" inszeniert Bellettdirektor Dörnen erstmals ein Werk des Musiktheaters.

Greifswald. Den Romanschriftsteller Gustav vpon Aschenbach plagen Zweifel am eigenen Können. Auf Anraten eines Fremden reist er zur Erholung nach Venedig, wo er auf Tadzio aufmerksam wird. Dessen Anmut fasziniert ihn derart, dass er seine Depressionen vergisst. Doch das Glück bleibt ihm verwehrt; der alternde Autor beobachtet den Jpngling nur aus der Ferne und kann selbst dann nicht von ihm lassen, als die CHolera Venedig erfasst...
Benjamin Brittens Oper "Death in Venice" nach Thomas Manns Novelle "Der Tod in Venedig" stellt für den Regisseur und Choreografen Ralf Dörnen nicht nur thematisch ein aufregendes Stück dar. "Ich hab egut drei WOchen gebruacht, um mich zu entscheiden, ob ich es mache", verrät der Ballettdirekto des Theaters Vorpommern und berichtet, dass Intendant Anton Nekovar ihn vor mehr als einem Jahr mit dieser Idee konfrontierte. Doch mit intensiver Beschäftigung mit dem Buch, Viscontis gleichnamigen Filmklassiker und der Musik "entstanden in meinem Kopf die ersten Bilder", so Dörnen, der damit erstmals ein Werk des Musktheaters inszeniert. Immerhin handelt es sich auch um eine Mischform mit vielen solistischen Rollen für Bellett und CHor des Theaters Vorpommern.
"Ein Opernregisseur hätte es sicher ganz anders inszeniert", glaubt der freischaffende Bühnen- und Kostümbildner Klaus Hellenstein, der zuletzt für "Macbeth" mit dem Bellettmeister zusammenarbeitete. Aber speziell Dörnens Profession sei es wohl zu verdanken, dass es zur richtigen Verzahnung der Tanz- mit den Spielszenen komme. Eine Geschichte voller Liebe und Leidenschaft, eine Geschichte voller Irrungen und Wirrungen im verklärten Venedig? "Znä#chst einmal ist es ein sehr emotionales. sehr pathetisches Stück, das von einem Mann erzählt, der stets korrekt war, aber am Ende seines Lebends erkennen muss, dass etwas fehlte", erklärt Hauptdarsteller Raymond Sepe, "nämlich Leidenschaft." Für den Amerikaner mit italienischen Vorfahren stellt Brittens Oper eine große Herausforderung dar. "Aschenbach ist eine der schwersten Rollen im Opernrepertoire überhaupt", denkt der Tenor, der quasi als einziger zweieinhalb Stunden auf der Bühne agieren und mehrere Figuren verköpern wird. "Die rezitative Form ist wahnsinnig schwer, ebenso das Musikalische", gesteht der erfolgreiche Künstler, der an vielen internationalen SPielstätten zu Hause ist, so auch Erfolge als Phantom im Hamburger "Phantom der Oper" feierte. Auch die Graifswalder lernten ihn bereits kennen - zuletzt war Sepe als Tassilo in "Gräfin Maritza" und als Gouverneur in "Candide" zu erleben.
Ralf Dörnen ist froh, dass es zu dieser Besetzung kam, "zumal wir die englische Fassung aufführen, wir mit Raymond Sepe einen muttersprachler haben", bemerkt der Choreograf. Die deutsche Übersetzung sei für ihn nich tin Frage gekommen. "Einfach zu schlecht", bringt es der Ballettdirektor auf den Punkt, der für seinen Ehrgeiz bekannt ist. Mit Klaus Hellenstein und Raymond Sepe hat sich das richtige Gespann gefunden - wobei zweifelsfrei Generalmusikdirektor Mathias Husmann, Chordirektor Thomas Riefle sowie Dramaturg Stefan Ulrich genau so ihren Part an de Aufführung haben. Übrigens - keine Angst vor dem Nichtverstehen: "Deathin Venice" wird mit deutschen Übertiteln aufgeführt.
Petra Hase


Britten-Oper in Greifswald stürmisch gefeiert

Ostsee-Zeitung

Greifswald (OZ) Als Novelle zählt Thomas Manns "Tod in Venedig" zu den herausragenden literarischen Leistungen. Viscontis Verfilmung hat die gedanklich und sprachlich so beziehungsreich dicht wie meisterhaft gestaltete Erzählung zusätzlich zum cineastischen Kultobjekt werden lassen, während Benjamin Britten (1913 - 1976) für die nicht weniger eindrucksvolle Transformation des Stoffes auf die Operbühne sorgte.

Seit vorgestern ist diese Version am Theater Vorpommern zu erleben, und dies - das sei vorweggenommen - in einer stürmisch gefeierten Inszenierung des Ballettchefs Ralf Dörner. Auf Greifswalds nach hinten am Halbrund begrenzter, leerer und nahezu schwarz gestalteter Bühne - Pendant zu nahezu allen ebenfalls schwarz gekleideten Personen (Bühne und Kostüm Klaus Hellenstein) - entfaltet er in durchweg choreographierten, dynamischen und zwingenden Bildern jenes bekannte und immer wieder faszinierende Geschehen: Der aus einer Schaffens- und Lebenskrise ausbrechende deutsche Schriftsteller Gustav von Aschenbach bezahlt seine Liebe zu einem schönen Knaben im choleraverseuchten Venedig mit dem Leben. Manns Novelle untersetzt diesen kargen Handlungsstrang mit einem vielfach hintergründigen und unglaublich dichten Netz von Handlungsmotiven und gedanklichen Verbindungen. Das Libretto der Oper vermag davon erstaunlich viel zu übernehmen, wobei es dann letztlich Brittens Verdienst ist, diesen riesigen Opernmonolog mit einer wahrlich kongenialen, ganz auf subtile Charakterisierungskunst zielende Musik zu versehen. Und Dörners Verdienst ist es, in einer stringenten, nicht weniger als siebzehn Bilder bruchlos verbindenden Inszenierung die psychisch so differenzierten wie mythologisch orientierten Befindlicheiten des Protagonisten Aschenbach glaubhaft zu entwickeln.

Der Erfolg des Unternehmens hat viele Väter. So ist es neben dem Inszenierungsteam vor allem Raymond Sepe als Aschenbach, der sängerisch und gestalterisch seine unglaublich anspruchsvolle Rolle mit geradezu beklemmender Intensität zu gestalten weiß - ein von tragischer Folgerichtigkeit bestimmter Weg des Verfalls einer Persönlichkeit, materialisiert in einer deklamatorisch wie sanglich höchst originellen Klangwelt von eindringlichster Expressivität. Vorzüglich aber auch Benno Remling in gleich siebenfacher Gestalt, in kleinen Rollen Andreas Taubert (Apollo) und Per Bach Nissen (Angestellter).

Eindrucksvoll löste der vielfach solistisch eingesetzte Chor seine anspruchsvollen Aufgaben (Thomas Riefle), ebenso wie das Ballett, das mit großen Anteilen - namentlich sei hier nur Niko Ilias König als Tadzio genannt - Funktion besitzt. Für die so wichtige, diffizil rhetorisch und mimisch mitagierende orchestrale Seite sorgten mit Umsicht und Kompetenz GMD Prof. Mathias Husmann und das Philharmonische Orchester Vorpommern. Brittens letzte Oper (1973) präsentiert sich in einer Inszenierung, der man in der Region die verdiente Resonanz wünscht, die aber auch darüber hinaus großes Interesse verdient.

Ekkehard Ochs


Spitzen-Oper heute im Theater

Ostsee-Zeitung

Greifswald. Intendant Anton Nekovar zeigte sich von der Zuschauerresonanz bei der Premiere von "Deathin Venice" letzten Sonnabend total begeistert. "Ich hätte nicht gedacht, dass wir so viele Menschen erreichen", sagte der Theaterleiter angesichts eines fast ausverkauften Hauses. Immerhin steht mit Brittens letztem Werk von 1973 keine klassische, sondern eine hochmoderne Oper auf dem Spielplan. Noch dazu in englischer Sprache und dem Thema Homoerotik, das in vielen Teilen der Welt wie Homosexualität nach wie vor als Tabu gehandelt wird.
Aber all das wird möglicherweise auch heute wieder viele Besucher animieren, ins Theater zu strömen, denn was dort auf der Bühne zu erleben ist, ist kein billiges Provinzschauspiel, sondern Kunst, die sich mit höchsten Maßstäben in vielerlei Hinsicht messen lassen kann.
Daran hat vor allem Raymond Sepe seinen Anteil, der eine grandiose Titelpartie als alternder Schriftsteller Gustav von Aschenbach singt.
Ebenso höchste Anerkennung muss man auch Benno Remling zollen, er gleich in sieben Rollen zu erleben ist. Und an Adreas Taubert, der den Apollo verkörpert. Wann war am Theater Vorpommern schon mal ein Countertenor zu erleben?

Aber es sind nicht nur die Individualleistungen, die "Death in Venice" zur Spitzen-Aufführung in Mecklenburg-Vorpommern und sicher darüber hinaus machen. Es ist in erster Linie die Teamleistung, an der ein gut aufgelegter Chor ebenso Anteil hat wie die mitwirkenden Ensemblemitglieder des Balletts und natürlich das Orchester, das diese außerordentlich schwierige Aufgabe unter Leitung von Generalmusikdirektor Prof. Mathias Husmann bravourös erfüllt. Kein geringerer als der Träger der höchsten Greifswälder Auszeichnung, der Rubenow-Medaille, Ralf Dörnen, hat Brittens Oper fürs Theater Vorpommern in Szene gesetzt. Es ist sein erster Versuch dieser Art, zu dem, so Intendant Nekovar, Dörnen aber überredet werden musste. Gelungen ist dem Ballettdirektor ein Meisterwek. R.A.

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