Portrait über Raymond

„Si, Si, Sepe“

Harzzeit

Zwei seiner Traumrollen hat Raymond Sepe gesungen. Er hat die Welt kennen gelernt. Jetzt kehrt der Amerikaner mit italienischen Vorfahren in den Harz zurück und singt Don Carlos – seine dritte Traumrolle.

Seine drei Rollen-Träume hat sich Raymond Sepe, der Amerikaner mit italienischen Vorfahren, erfüllt. „Tosca in Halberstadt gesungen, ´Das Lied von der Erde` in Stralsund und jetzt Don Carlos erneut in Halberstadt und wieder mit Cornelia Just als Regisseurin.“
Raymond Sepe kommt aus der Abendprobe, in der Hand einen Stapel CDs. „20 Einspielungen von Don Carlos besitze ich, nun singe ich ihn selbst.“ Gesehen hat er das Stück zum ersten Mal in der Met von New York. Das legte den Grundstein für seinen Traum.
Der vielseitige Künstler, der in der Oper, Operette, Musical und Konzerten zu Hause ist, überlegt, was danach kommen könnte. „Im deutschen Fach wäre der Erik aus dem Fliegenden Holländer etwas oder Lohengrin oder der Florestan in Fidelio wäre interessant.“ Es klingt wie die Wunschliste fürs kommende Lebensjahrzehnt. Aber vielleicht wird alles doch ganz anders und Sepe wechselt die Seiten, um als Regisseur selbst Opern auf die Bühne zu bringen.
1992 kam Sepe nach seiner Ausbildung in klassischem Gesang und Schauspiel an der Stetson University und der der Boston Conservatory, als „Bachelor of Music“, „Master of Music“ und mit dem Schauspieldiplom nach Deutschland. „In den frühen Neunzigern war das die Chance, dieses einmalige Netz der Stadttheater versprach viel Arbeit.“ Deutsch lernte er beim Sprechen und durch die Partituren. In Hamburg sah er ein Plakat, das zum Vorsingen für „Das Phantom der Oper“ einlud.
So bekam er prompt einen Vertrag und sang bis 1994 alle vier Männerrollen, das Phantom, Raoul, Piangi und André. In „Miss Saigon“ hört man Raymond Sepe auf der deutschen Original-CD, wo er den Chef im Ring sing. Dann wechselte er in Stuttgart die Straßenseite und landete als Biest im Musicaltheater von „Die Schöne und das Biest“. Dann zwei Jahre „Tanz der Vampire“, plötzlich lagen zehn Musicaljahre hinter ihm. „Das war etwas anderes als Oper. Ich habe acht mal die Woche gesungen.“ Ja, er habe dabei gutes Geld verdient und blieb doch auf dem Teppich. „Ich wollte etwas zurückgeben, auch von dem, was die Besucher an Begeisterung abstrahlen.“ Er organisierte Benefizkonzerte mit, für die Kinderkrebshilfe und die AIDS-Stiftung. „Manchmal sogar im Hospital. Als ich die kranken Kinder sah, wusste ich, das es richtig ist, was ich tat.“
Sepe selbst verdiente sich einst sein Geld für die Gesangsstunden und um die Uni zu bezahlen zu können, indem er kellnerte. „Im amerikanischen Dinnertheatre singt der Ober eben, da tanzt und schauspielert man. Die Gäste freut das und sie zeigen sich erkenntlich.“ Als Teenager spielte er in einer Rockband, sang später im Hochschulchor, gestaltete Kirchenmessen mit, das gehörte zum Studium dazu. „Damals sang ich noch im Bariton-Fach“, erinnert sich der Tenor.
Ein Jahr dauerte es, um seine Stimme wieder „operenmäßig aufzubauen“. Raymond Sepe gastierte bei den Ludwigsburger Festspielen, sang den „Werther“, den Hoffmann in „Hoffmanns Erzählungen“ auf der Seebühne in Stralsund, spiele in Verdis „Aida“, in „Die Gräfin Mariza“. In Halberstadt steht er nach „Tosca“ erneut mit Katharina Warken auf der Bühne, mit Juha Koskela spielt er die dritte Oper. Er mag das Haus, den flexiblen Dirigenten Johannes Rieger und die Art, wie Cornelia Just Opern modern, aber auf traditionellen Wurzeln inszeniert.
Auf seine Wurzeln schaut er mit Respekt. In dritter Generation leben die Sepes in den USA. „Zweimal im Jahr springe ich übern Ozean zu meinen Eltern, um an ihren letzten Jahren auf Erden Anteil zu nehmen.“ Weil sie nie in Italien waren, hat er für sie ein „Tournee durch Italien“ organisiert. „Mit dem Auto sind wir von Neapel immer höher in die Berge gefahren. Auf der Piazza von Pico war am Sonntag nur ein Lokal offen. Da saß ein 80-jähriger. Als wir ihn nach dem Weg fragten sagte er: Si, si, Sepe und zeigte auf das Geburtshaus meines Großvaters. Er war dessen Cousin.“ Uwe Kraus

zurück