Presse "Werther"



Orpheus International - das Magazin zur Musikszene
Seelendrama

von Ingeborg Kalkus Packendes

...das Orchester, die Sänger und der Kinderchor waren glänzend disponiert. In der Hauptrollen wirken in beiden Auffürungsorten dieselben Sänger mit. Raymond Sepe ist ein die Rolle des Werther genau erfassender, sensibler Charakterdarsteller von Gefühlskraft und Ausstrahlung, der sich zu berührender stimmlicher und darstellerischer leistung steigert...tief berührend sein "Ein andere ist ihr Mann".


Ostsee Anzeiger

Liebe bis in den Tod

- Umjubelte Premiere der Oper "Werther" am Theater Vorpommern -


Stralsund - Da möchten Sänger und Regisseur den Werther Jules Massenets noch so kritisch und Charlotte als Opfer sehen: Dem Komponisten war Werther der tragische Held und Charlotte die unglücklich Liebende, und so schreib er ihnen Arien und Duette voller Leidenschaft und lässt sie bis heute den Rest des Ensembles an die Wand singen. Große Stimmen, überwältigender Orchesterklang, eine hier noch nie aufgeführte bewegende und zugleich verstörende Oper, die das Publikum am Sonnabend zu recht mit frenetischem Beifall bedachte....Der Tenor Raymond Sepe dürfte Massenets Intentionen von der Figur vollkommen entsprechen: Kraft und Schmeltz in einem, eine wahrhaft ideale Besetzung!


Ostsee-Zeitung, Stralsund/Graifswald 23.02.2004

Überzeugende Oper der großen Gefühle

Massenets "Werther" in Vorpommern
von Ekkehard Ochs

Raymond Sepe in der Titelrolle der Oper "Werther" Von Jules Massenet am Theater Vorpommern. Stralsunds Opernfreunde waren am Sonnabend begeistert von dem lyischen Drama in vier Akten nach Goethes Briefroman "Die Leiden des jungen Werther". [...] Als solche prägten sie in Stralsund eine Aufführung, die auch als längst fällige Repertoireerweiterung zu begrüßen. Schrem inszeniert auf karger, aber atmosphärisch treffender Bühne (Joachim Griep) so glaubwürdig wie unspektakulär, ohne selbstmörderische Peinlichkeiten, aber mit viel Raum für die sich von Akt zu Akt verdichtenden großen Gefühle. Ihnen leihen Raymond Sepe (Werther) und Kerstin Descher (Charlotte) Gestalt und Stimme; ersterer als überaus leidenschaftlich agierender Tenor, letztere mit großer, dramatischer Mezzostimme.




Ostsee-Zeitung - Greifswald - 05. April. 2004

Erfolgreiche Premiere des "Werther"

München hätte es nicht besser als die Pommern gekonnt

Eng umschlungen tauscht das junge Päarchen Zärtlichkeiten aus. Anderer Theatergäste machen sich an den Verliebten vorbei auf den Heimweg. Das stört beide nicht. Offenbar noch am Ausgang sind sie überströmt vom gefühlvollen Bühnenstück, das zuvor im Theater Vorpommern seine erfolgreiche Premiere feierte.[...]

[...]Der Vorhang fällt, lang anhaltender Beifall für die Künstler, Bravo-Rufe gar für die Hauptakteure Kerstin Descher und Raymond Sepe. Gesanglich überaus ausdrucksstark und darstellerisch glaubhaft wissen beide zu überzeugen.




Ostsee-Anzeiger, Stralsund vom 11.02.2004

Dieser "Werther" zerstört nicht nur sich

Jules Massenets bewegende Oper zum ersten Mal am Theater Vorpommern
Stralsund - Seit ihrer Uraufführung sind mehr als hundert Jahre vergangen, aber noch niehat das Publikum in Stralsund diese Oper sehen können.
Während der Proben zur Premiere am 21. Februar hatten wir Gelegenheit zu einem Gespräch mit Regisseur Arnold Schrem und den Sängern Raymond Sepe und John Heuzenroeder (Tenor, alternierender Werther), Kerstin Descher (Mezzosopran, Charlotte) und Daniel Fiolka (Bariton, Albert).
Der Selbstmord eines abgewiesenen Liebhabers erregte die Gemüter schon nach Goethes 1774 erschienenem Briefroman "Die Leiden des jungen Werther". Das Genre der oper und der Zeitgeist Ende des 19. Jahrhunderts veranlassten Jules Massenet und seine Librettisten zu einer Verdichtung und weiteren Dramatisierung des Stoffes, der in einer von starken Gefühlen getragenen Musik seine Entsprechung findet. Konsequent verlegt die Inszenierung deshalb die Handlung der Oper in die Zeit ihrer Entstehung.

Viele Sichten auf Werther

Als ich die Sänger nach ihrer Haltung zu Werther fragte, kommt daher prompt die Gegenfrage: Zu welchem? Zu Goethe als unverkennbarem Vorbild, zum Werther des Romans oder zu dem Geschöpf des Komponisten? Es zeigt sich, wie schwer es selbst den Darstellern fällt, sich der Operngestalt wegen von der Romanfigur und dem Dichter zu lösen.
Raymond Sepe, US-Amerikaner mit italienischen Vorfahren, skizziert zunächst die Unterschiede der Oper zur Romanvorlage: "Bei Goehte hat Werther viel mehr Kontakt zu Charlottes Familie, bei Massenet nur über drei, vier Szenen, je einem Tag in einer anderen Jahreszeit. Die Zeit und die Ereignisse dazwischen müssen wir quasi mitspielen."
"Ich sehe Werther als Einzelgänger, dazu hypersensibel", sagt John Heuzenroeder, "ebenso seinen Hang zur dunklen Seite des Lebens. Ja, auch egozentrisch. Was er sucht ist nicht Liebe, sondern ein falsches Ideal von Liebe."  Raymond Sepe erinnert an die Worte des Regisseurs: "Werther will haben, was er nicht haben kann."
Kerstin Descher, glücklich über eine solche Rolle für Mezzosopran, dem Komponisten meist Hosenrollen oder Zigeunerinnen wie die Carmen zuordnen, wird noch deutlicher: "Der Werther der Oper verehrt, vergöttert Charlotte, aber er gibt ihr keine Perspektive an seiner Seite. Goethes Charlotte weist Werthers Ansinnen deutlicher ab, bei Massenet ist sie in ihren Gefühlen leichter zu verunsichern. Werther hat, was Albert fehlt. Werthers Worte faszinieren sie und er bedrängt sie unablässig, aber ohne Perspektive. Charlotte ist an der Seele gesund, ganz im Gegensatz zu Werther. So dauert es bis zum vierten Akt, bis auch sie ihm ihre Liebe gesteht."
"Der Roman wird oft falsch verstanden", meint John Heuzenroeder. "Werther müsste nicht sterben, wie ja auch Goethe nicht gestorben ist. Mitleid verspüre ich trotzdem."
Arnold Schrem ist als Regisseur in keiner Rolle befangen, sieht das Ganze und urteilt in vielem rigoroser: "Werthers Tod", sagt er, "ist die Konsequenz der Dramatik. Die Geschichte ist bei Goethe in wesentlichen Punkten anders. Sie geht dort für Charlotte gut aus, weil sie bei Albert und in der Familie geborgen und so weniger gefährdet ist. Goethes Werther steht da außerhalb, verletzt niemanden und wird nicht schuldig. Bei Massenet bohrt er sich ins Zentrum der Familie, versucht Charlotte auf seine Seite zu bringen. Egomanisch in seiner Haltung zum Leben und maßlos in seinem Begehren nach Charlotte. Tragisch, dass diese Maßlosigkeit gepaart ist mit seiner Unfähigkeit zum Leben. Er sucht nicht das alltägliche Leben an der Seite Charlottes und ihrer Geschwister, sondern verfolgt mit ihr einen anderen, dunklen Plan.

Mit Charlotte sterben

Seine wirkliche Sehnsucht ist die nach dem Tod! So reißt er Charlotte aus ihrer Geborgenheit nicht um mit ihr zu leben, sonder folgerichtig um mit ihr zu sterben. Bei Geothe Opfer, wird er in der Oper zum Täter, der die Geliebte ruft, aber ihr nichts zu geben vermag. Nun bringen wir zu Goethe und Massenet nach nochmals 100 Jahren auch uns und unsere Welt in die Inszenierung mit ein. Jede Generation begehrt ja auf, und so erscheint auch die Figur des Albert heute viel polarisierter."
Daniel Fiolka wird noch deutlicher: "Die Szenen folgen kurz aufeinander. Nur einmal treffe ich mit Werther zusammen, sonst komme ich immer erst später hinzu. Albert ist viel fort, nicht zufällig erscheint er ständig im Mantel. Aber er ahnt die Geschehnisse während seiner Abwesenheit! Spätestens nach dem Gespräch mit Charlottes Schwester Sophie, die Massenet für diese Bestimmung in die Oper einfügte, ist die Situation für Albert geklärt. Als Werther um die Pistolen bittet, gibt er sie ihm nicht selbst, sondern lässt sie von Charlotte übergeben. Das tut er wohl nicht ohne Vorsatz."

Auf Werther nicht vorbereitet

"Charlotte ist ein ausgeglichener Mensch von großer innerer Ruhe", sagt Kerstin Descher. "Ihre Mutterrolle bei den sechs Geschwistern trägt sie gern und ist ein außerordentlich lebensfähiger Mensch voller Wärme und Verantwortung. Sie ist überhaupt nicht vorbereitet auf Werthers Ansturm, weiß sie nicht, dass er nicht gut für sie ist. Am Schluss ist Charlotte aus allen ihren Verhältnissen gerissen und vollkommen allein. Werther ist tot, zu Albert gibt es kein Zurück. Das ist doppelt tragisch, und niemand vermag zu sagen, was sie tun wird."
So schreitet diese Oper vom heiteren, sorglosen Leben Charlottes mit Werthers Erscheinen unaufhaltsam zu ihrem tragischen Ende hin fort, zeitlich auch vom Bühnenbild eingebettet in die Jahreszeiten vom lebenssprühenden Sommer bis in die Kälte des Winters. Von Jules Massenets Musik sind nicht nur die Sänger begeistert, auch das Orchester spielt sie, wie man mir versichert, mit wahrer Leidenschaft. Die Oper "Werther" also endlich in Stralsund, wir freuen uns darauf.



Ostsee-Zeitung, Stralsund/Graifswald 23.02.2004

Überzeugende Oper der großen Gefühle

Massenets "Werther" in Vorpommern

von Ekkehard Ochs

Stralsund (OZ) Jules Massenets lyrisches Drama "Werther" - 1892 in Wien uraufgeführt - gehört seit der Münchner Wiederentdeckung 1977 zu den erfolgreichsten französischen Opern im deutschsprachigem Raum und liegt damit noch vor der "Carmen"! Aber wer ist Massenet (1842 - 1912), und was ist mit "Werther"? Der Komponist ist nicht mal in allen Opernführern verzeichnet, und auch Operngeschichten verraten nur Weniges, Konträres und teils Vernichtendes. Aber vorgestern ging der "Werther" in Stralsund über die Bühne, und es darf von Erfolg gesprochen werden.
Gewiss, Goethes Vorlage (1774), Massenets Vertonung (1886) und heutiges Empfinden sind gleich drei Seiten einer Medaille. Aber es gibt keinen triftigen Grund, sich allein deshalb dem Stück zu verweigern. Arnold Schrems schlüssige Inszenierung verdeutlicht nämlich recht eindrcuksvoll, dass Massenet durchaus zu den Großen seiner Zeit gehört und der "Werther" das glatte Gegenteil von Dutzendware ist. Die exemplarische Geschichte einer tragischen Liebesbeziehung lebt von sprachnah und dennoch melodisch komponierter Musik. Sie ist sehr zart, lyrisch, gefühlvoll und sinnlich; sie beherrscht den Ton lebendiger Konversation und hat gewaltige Stärken im Dramatischen. Charlotte und Werther sind nicht mehr ganz die eines Goethe, sicher aber Exponenten jener "Belle Epoque", der die französische Opernkunst so viele herausragende Beispiele verdankt.
Als solche prägten sie in Stralsund eine Aufführung, die auch als längst fällige Repertoireerweiterung zu begrüßen. Schrem inszeniert auf karger, aber atmosphärisch treffender Bühne (Joachim Griep) so glaubwürdig wie unspektakulär, ohne selbstmörderische Peinlichkeiten, aber mit viel Raum für die sich von Akt zu Akt verdichtenden großen Gefühle. Ihnen leihen Raymond Sepe (Werther, alternierend mit John Heuzenroeder) und Kerstin Descher (Charlotte) Gestalt und Stimme; ersterer als überaus leidenschaftlich agierender Tenor, letztere mit großer, dramatischer Mezzostimme. Weiter im Ensemble: Daniel Fiolka (Albert), Per Bach Nissen (Amtmann), Jahonnes Strasser, Ivaylo Guberov und Bini Lee als Freundespaar und Sophie. Am Pult des Philharmonischen Orchesters Vorpommern sorgte Generalmusikdirektor Prof. Mathias Husmann für die überzeugende Wiedergabe einer sehr interessanten und recht anspruchsvollen Partitur.




Ostseeanzeiger - Stralsund 25.02.2004

Liebe bis in den Tod

Umjubelte Premiere der Oper "Werther" am Theater Vorpommern

Stralsund - Da mochten Sänger und Regisseur den Werther Jules Massenets noch so kritisch und Charlotte asl Opfer sehen: Dem Komponisten war Werther der tragische Held und Charlotte die unglücklich Liebende, und so schrieb er ihnen Arien und Duette voller Leidenschaft und lässt sie bis heute den Rest des Ensembles an die Wand singen.
Große Stimmen, überwältigender Orchesterklang, eine hier noch nie aufgeführte bewegende und zugleich verstörende Oper, die das Publikum am Sonnabend zu recht mit frenetischem Beifall bedachte. Die Inszenierung Arnold Schrems macht den Unterschied der Oper zu Goethes Vorlage noch deutlicher als seine Worte im vorangehenden Gespräch. Bei goethe tritt ein lebenslustiger Werther in Lottes Leben, wird zum Liebling ihrer kindlichen Geschwister und rührt ihr Herz als guter Mensch. Bei Massenet und Schrem taucht Werther wie ein Todesengel am Rande des Geschehens auf und zieht Charlotte hinaus in ein schönes Nichts. Das ist mehr als die Zuspitzung der Fabel, es ist ein anderer Stoff.
Für die Mezzosopranistin Lerstin Descher als Charlotte endlich eine Partie, die ihre herrliche Stimme voll zur Geltung bringt. Der Tenor Raymond Sepe, der den Werther alternierend mit John Heuzenroeder singt, dürfte Massenets Intentionen von der Figur vollkommen entsprechen: Kraft und Schmelz in einem, eine wahrhaft ideale Besetzung! Daniel Fiolkas Albert kommt dagegen als Bariton schon beim Komponisten recht stiefmütterlich weg, darf er doch nur den anständigen, aber leider nicht vollkommenen Ehemann geben. Bini Lee hingegen darf liebenswert sein und ihren schönen Sopran als Lottest Schwester und verständnisvolle Kindfrau einzusetzten. Mit der Einfügung dieser Figur erst verschaffte sich Jules Massenet freie Hand, um seine Charlotte ins Unglück laufen zu lassen. Wenn Sophie im ersten Akt die Kinder behüten kann, während Lotte mit Werther zum Tanz geht, dann wissen wir die Geschwister auch in guten Händen, wenn Charlotte am Ende mit gebrochenem Herzen Werther in sein Schattenreich folgen sollte. Oper und Regie lassen das offen,, und mehr wäre auch kaum zu ertragen in diesem "lyrischen Drama", wie Massenet sein Werk nannte.
Per Bach als Amtmann wie auch Johannes Strasser und Ivaylo Guberov als seine lebenslustigen Freunde treten mit wenigen Ausnahmen hinter den anderen Figuren zurück und dienten den Liberettisten wohl mehr dazu, die dürftige Handlung anzureichern. Selbst die jüngeren Geschwister, allerliebst von Mitgliedern des Kinderchores des Theaters Vorpommern gespielt, ließen sich da wirkungsvoller in Szene setzen.
Das Philharmonische Orchester unter GMD Prof. Mathias Husmann kostet die Partitur in vollen Zügen aus. Husmann kommt die zwischen lyrischen und dramatischen Höhepunkten schwelgende Musik Massenets ganz offensichtlich entgegen, und selbst ungewohnte Besetzungen wie Saxiphon fügen sich in dieses voluminöse Klanggebilde ein.
Bühnenbild und Kostüme Joachim Grieps bringen die Inszenierung ganz nah in unsere Zeit. Grüne und herbstliche Blätter am Boden, hier ein Podest, dort eine Tür, eine Bank, ein schmales Bücherregal. Der Schnee im Schlussbild legt sich dem Zuschauer wie Balsam auf die aufgewühlte Seele. Werther durchgängig in Schwarz, in seinem Rock im Herbstlaub wühlend. Lotte unwiderstehlich schön im weißen Kleid und denn zum Ersticken eingezwängt in ein eheliches Kostüm. Der bedauernswerte Albert in unscheinbarem Grau mit einem kaum erträglichen abgenutzten Lederkoffer.
Ließ Arnold Schrem diesen Werther im ersten Akt wie ein Wesen aus einer anderen Welt gleichsam durch die Szene schweben, so entschwindet dieser unglückselige Mensch am Schluss und lässt Charlotte einsam zurück. Wie es scheint, mag der Regisseur die vorgegebenen Abschiede nicht, bei denen die Komponisten die Toten in die Arme der Überlebenden betten. Auch Carmen lag am Scluss allein inmitten der Bühne, während José hilflos am Rand umher irrte. Ist das die Furcht vor zuviel Sentimentalität, oder ist es die bittere Botschaft, dass der Mensch allein zu sterben hat?
Die Oper und diese Inszenierung stimmen nachdenklich. Auch heute fahren Ehemänner auf Montage und Gattinnen zur Kur. Zum Glück denken die meisten Frauen praktisch, und so geht es im wahren Leben fast immer ohne Tragödien ab. Viel Stoff aber wohl doch für lange Gespräche nach "Werther".   K.

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